BEITRÄGE

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„Die Nacht im Grab der Lust“ Schamanismus und Sexualität als Erfahrungsmedizin

Während einer Zeremonialwoche in Südfrankreich wurde ich zu Grabe getragen. In der Dämmerung stieg ich in die gut 1,50 Meter tiefe Grube und streckte mich aus. Bretter wurden darübergelegt, eine dicke Plane sperrte auch den letzten Lichtstrahl aus. Die Trommelklänge entfernten sich, dann begann die Grabrede meiner Lehrerin, der Medizinfrau Loon: „Ach, die Katrin, sie hatte noch so viel vor, aber es blieb ihr keine Zeit mehr“. Die Kehle wurde mir eng, endlich konnte ich weinen. Stunden später war ich noch hellwach, mein Denken langsam. Tiefe Stille hatte sich über das Lager gebreitet. Plötzlich hörte ich zwei dumpfe Schläge, die direkt aus der Erde unter mir zu kommen schienen. Stille – wieder zwei dumpfe Schläge... Ich fühlte meinen Puls. Nein, mein Herzschlag war wesentlich schneller. Plötzlich tauchte die Erinnerung auf: Ich hörte den Herzschlag von Mutter Erde. Ein nie gekannter Friede breitete sich in mir aus, ich ließ los und entspannte mich gänzlich. In dem Moment begann mein Bauch heiß zu werden, das Zentrum meiner Lust wurde feucht und ein unbändiges Verlangen nach Berührung erfüllte mich. Ich begann mich zu berühren, überall und ausgiebig, bis wieder tiefer Friede einzog. Eine Weile später hörte ich die Trommeln, ich feierte Auferstehung und begrüße die ersten Sonnenstrahlen mit inniger Liebe.

Denken wir an Schamanismus, sehen wir einen dunkelhäutigen Indianer vor uns oder eine verrückte Alte aus dem Altai. Dabei gab es Schamanismus in jedem Winkel der Erde, je nachdem, wie man es definiert. Als die Menschen noch in Verbundenheit mit der Natur lebten, wussten sie, dass alles belebt ist. „Gott schläft im Stein, atmet in der Pflanze, träumt im Tier und erwacht im Menschen.“ (Indische Weisheit) Sie wussten, dass auch die Dunkelheit und die Schatten zum Leben gehören, durchaus verkörpert in realen Wesen aus anderen Welten. Ebenso wie die Geister der Ahnen, der Tiere und Pflanzen, der jeweiligen Umgebung. Mit ihnen galt es zu kommunizieren, Dämonen friedlich zu stimmen und andere wieder um Hilfe zu bitten. In jedem Stamm gab es Menschen, die dazu berufen waren, sei es durch familiäre Bande, durch besondere Fähigkeiten oder eine schicksalhafte Krankheit, die ihnen den Weg wies. Ihre Aufgaben waren bei weitem nicht nur das Heilen. Sie sorgten dafür, altes Wissen zu bewahren oder zu erinnern. Sie halfen Einzelnen oder dem Stamm, Kraftquellen aufzuspüren und den Lebensplan zu erkennen. Durch den Kontakt zur geistigen Welt konnten sie der Gemeinschaft Schutz geben oder Voraussagen treffen.

Schamanismus ist ein weiblicher Weg (der Intuition, des Vernetzseins), der mit männlichen Techniken (Absicht und Handeln) vollzogen wird, im Gegensatz zu späteren östlichen Traditionen, z.B. des Yoga. Es ist ein Weg der Erfahrung, der Selbsterkenntnis und des Erinnerns. Die Techniken sind überall auf der Welt ähnlich. Schamanen begeben sich ins Geschehen hinein und bleiben nicht objektiv-distanziert am Rande stehen. Sie nutzen das schamanische Reisen, meist mit Hilfe von Gesängen und Trommeln, besonderen Pflanzen oder Pilzen und Tierverbündeten. Sie können mit Energien umgehen und kennen deren Wirkungen auf den menschlichen Körper. Sie kennen Methoden zur Stressvermeidung und zur Entspannung, um innere Botschaften besser empfangen zu können. Sie setzen die Kraft der Imagination und des Gebetes gezielt ein. Sie kennen die Mühen des Menschseins, aber identifizieren sich nicht damit. So stehen sie zwischen den Welten, wie etwa die „ZaunreiterInnen“, die Hexen. Schamanisches Denken ist „wildes“ Denken, ein Denken in Räumen und Zusammenhängen.

Wenn wir in Europa Schamanismus praktizieren, geht es nicht darum, Wissen aus anderen Kulturen zu kopieren, sondern lediglich Anleihe zu nehmen, denn durch Inquisition und Missionierung ging hierzulande vieles verloren. Reste sind jedoch zu finden, davon zeugt z.B. das Buch „Der Weg des Bienenschamanen“ von Simon Buxton. Andere Formen sind therapeutische Körperarbeit, Kräuterwissen, Tanz… Auch wir sind „Eingeborene“, können uns mit Geist und Körper erinnern und der Weg zum Ahnenwissen steht uns offen. Dabei sind vor allem Kreativität, Freude und ein gewisses Maß an „kontrollierter Torheit“ vonnöten. Um Großmutter Erde zu retten, ist es nicht nur erlaubt, sondern geradezu notwendig, dass wir alles verfügbare schamanische Wissen der Welt zusammentragen und zu einem Zopf flechten.
Was am gründlichsten verloren ging, ist das Wissen um die Bedeutung der sexuellen Energien – ein zentraler Bestandteil aller alten schamanischen Wege. Auf energetischer Ebene ist Sexualität die intimste und intensivste Form der Kommunikation und die dichteste Energie, die uns zur Verfügung steht. Sie ist reine Schöpferenergie. Im indianischen Schamanismus, der Wissen über Medizinräder transportiert, steht Sexualität im Zentrum vieler Räder als Katalysatorenergie und beeinflusst alle Bereiche des Lebens grundlegend. „Chuluaqui Quodoushka“ ist dort der Name für das Wissen um Sexualität. Chuluaqui meint die universelle Lebensenergie (Chi, Prana, Orgon…) und Quodoushka das Resultat, wenn zwei (oder mehr) Chuluaqui verschmelzen. Das Universum sei auf diese Weise entstanden, heißt es. Dieses Wissen stellt nicht nur erstaunlich praktikable Verbindungen her zwischen der Anatomie unserer Genitalien, Orgasmus-Erleben und Charakter. Da gibt es den Elch, den Pitbull oder Pony-Penis, bei Frauen die Wolf-, Büffel- oder Antilopen-Vulva. Auch über Beziehungsformen, sexuelle Vorlieben, Körperblockaden oder Krankheiten gibt es umfassendes Räder-Wissen. Generell eröffnet die Anordnungen der Lehren in Kreisen, die übereinander gelegt werden können und holografisch verschachtelt sind, fühlbare Verbindungen und stellt ein erstaunliches Bezugssystem her zwischen allen Ebenen des Bewusstseins. Vertrauen in das intuitive Verstehen stellt sich ein mit etwas Übung und der Bereitschaft, das lineare Denken zu verlassen.

Die Ältesten sagen, die Menschheit, die jetzt auf der Erde lebt, leide besonders an sexuellem und spirituellem Hunger, noch dazu auf eine Weise, die uns nicht bewusst ist. Dadurch können wir den Hunger nicht stillen, werden leicht manipulierbar und zu Patienten und Konsumenten. Die (menschliche) Sexualität, die natürlichste Sache aller Welten, wurde systematisch verteufelt oder durch Respektlosigkeit und Unwissenheit entweiht – dies reicht bis in tiefste Wurzeln unseres Ahnenstammbaumes hinein. Wir haben uns an unsere sexuellen Wunden gewöhnt und ahnen nur von Ferne, was Sexualität sein kann. Ihre Verletzung wirkt sich auf alle Körperzellen aus. Wir merken es z.B. daran, wenn wir keine Freude und Lust mehr empfinden, zwanghaft ejakulieren müssen oder auf Spielarten fixiert sind. Fehlt die Energie der Liebe, bleiben Verunreinigungen unseres feinstofflichen Körpers zurück – wobei Liebe nicht an Zeit, Kennenlernen und äußere Umstände gebunden ist.
Wie können wir jetzt „schamanische Sexualität“ leben? Hier ist eine Kriegerhaltung gefragt! Jegliches Jammern muss aufhören. Wir übernehmen ab sofort die Verantwortung für alle weiteren sexuellen Handlungen, hören auf, seelenlose Nahrung zu konsumieren und bleiben nicht in alten Verletzungen hängen. Dazu braucht es Mut und ein offenes Herz – das Wort "Courage" leitet sich von dem lateinischen Begriff „cor“ = Herz ab. Wir erlassen uns alle „Schulden“ und üben uns in achtsamer Selbstliebe.
Im Schamanischen werden Feinde als Lehrer betrachtet. Feinde einer neuen Sexualität sind Grenzverletzungen und Verurteilungen von sexuellen Eigenarten, sei es bei anderen oder uns selbst. Bewusstheit („Zeugenbewusstsein“ als Scheinwerfer), Annahme und radikale Ehrlichkeit sind hier vonnöten – kein Affentanz, ehe wir unsere wahren Wünsche offenbaren. Je mehr wir uns erlauben, authentisch zu sein, umso mehr laden wir andere dazu ein.

Heilung braucht einen Schutzraum, den schamanische Rituale bieten können. Hier werden wir ermutigt zu fühlen, was wir fühlen. Das kann unseren Körperpanzer wieder durchlässig machen. Zeit und klare Vereinbarungen helfen, Zwischenelemente für emotionale Erlebnisqualität zu kultivieren und immer wieder zu entspannen. Innerer Friede sollte die Ausgangsbasis sein, um sich sexuell aufeinander einzulassen. Nicht zuletzt eignet sich Sexualität für das Herbeiführen ekstatischer Zustände, die im Schamanismus eine große Rolle spielen, um mit anderen Welten und Wesenheiten in Kontakt zu treten. Der Mensch hat ein angeborenes Bedürfnis nach dem Erleben anderer Bewusstseinszustände, denn Ekstase ist ein Tor zu Glückseligkeit und Göttlichkeit.
Eine schamanische Sexualität bedeutet, kompromisslos und mutig den Weg der Erfahrung zu gehen und dem Körper zu vertrauen. Sexualität gilt es zu meistern. Meister fallen nicht vom Himmel, sondern werden aus der Verbindung zum eigenen Körper geboren. „Folge der Weisheit deines Körpers, und du wirst der Weisheit des Universums folgen“ (Rumi)
Zur Autorin: Katrin Laux absolvierte eine dreijährige schamanische Ausbildung „Der Weg des offenen Herzens“ in Märstetten (Schweiz) und gründete das AnuKan-Zentrum. (Der Artikel erschien 2019 in der Zeitschrift „Einfach Ja“.)

„Soll ich oder lieber nicht?“ - Tantramassagen zwischen Ah! und Oh!

Kaum ein Angebot im spirituell-körpertherapeutischen Bereich ist so umstritten, so falsch verstanden, so begehrt wie Tantramassagen. „Ein trügerisches Mäntelchen für etwas, was ins Rotlichtmilieu gehört“ sagen die einen. „Absichtslose Berührung von Kopf bis Fuß auf der Seelenebene“ sagen die anderen. (Und Tantra schmunzelt und sagt: „Sowohl als auch“.) Ursprünglich als erotische Massage mit Heilaspekt „erfunden“, wurde später der Name „Tantra“ genutzt. Dieser uralte indische spirituelle Weg sagt: Zuerst auf Erden und im Körper ankommen, akzeptieren was ist (auch unser sexuelles Wesen), bevor ich da etwas transzendieren will. Ob jemand in seinem Schoßraum zu Hause ist, macht einen deutlich wahrnehmbaren Unterschied. Dort sitzt unser Kraftzentrum, nicht im Kopf. Wenn ich mich selbst von der Wurzel her akzeptiere, haben auch andere vor mir Respekt. Rüdiger Dahlke meint, es gibt hierzulande nicht wirklich eine sexuelle Kultur. (siehe „Mythos Erotik“) Wir sind zwar durch einen sexuellen Akt entstanden, aber wursteln uns jetzt mit diesem Teil unserer Natur so durchs Leben. Wir erleben ihn eher als Trieb oder als Scheidungsgrund – denn als ein Zugang, um das eigene Potential mutig in die Welt zu bringen.

Hier kann Tantramassage ein Tor sein, ein Schlüssel – sofern wirklich ausgebildete TherapeutInnen am Werk sind. Der zeremonielle Rahmen erlaubt, dass alles da sein darf; Lachen und Weinen, Lust und Wut, was immer sich lösen will. Nichts wird beim Massieren ausgelassen, warum auch. Gefühle steigen aus den tiefsten Kellern empor – und verschwinden. Die Gleichzeitigkeit von Entspannung und Lust – eigentlich in ihrer Wirkung entgegengesetzt – ruft tranceartige (Hirnwellen-) Zustände hervor. Ich kann so innere Bilder empfangen und wieder auf meine Intuition zugreifen. Als ich neulich eine Tantramassage bekam, hatte ich das Gefühl, mein Intimbereich ist ein alchemistischer Schmelztiegel, wo aus allem, was ich da hineingepackt hatte, Gold geschmolzen wird. Und so war es tatsächlich. (Autorin: Katrin Laux, Text erschien 2014 in der Zeitschrift Trommelgeflüster)