Manifest der TempelpriesterInnen

1. Wir führen eine uralte Tradition fort

Zu allen Zeiten gab es Menschen, die andere das Mysterium der Sexualität lehrten. Damit trugen sie auch Sorge für das emotionale und soziale Gleichgewicht ihrer jeweiligen Gesellschaft. So unterschiedlich wie ihre Namen waren über die Zeiten hinweg ihre gesellschaftliche Anerkennung, ihr Einfluss und ihre Methoden. Viel Wissen ging verloren und taucht jetzt allmählich wieder auf. Um es nutzbar zu machen, braucht es Liebeslernorte und Erfahrungsräume – ebenso wie Wissenschaft und Forschung. An dieser Aufgabe wirken wir mit, indem wir diese Räume schaffen, uns erinnern und unsere Wurzeln achten.

2. Wir brauchen eine neue sexuelle Kultur

Sexualität ist eine der stärksten Energien überhaupt – sie ist pure Lebensenergie. Wir setzen uns dafür ein, dass sie aus dem Sumpf von Schuld, Scham und Schande herausgehoben wird. Wir brauchen die Anerkennung von Sexualität in all ihren Facetten ebenso wie die Vielfalt von Lebensentwürfen als grundsätzlich gesunde menschliche Lebensäußerung. Die Zeit ist reif ist für Vielfalt und freie Entscheidungen. Alte Muster und Moralvorstellungen müssen hinterfragt werden. Wir brauchen einen neuen Umgang mit Sexualität, der von Liebe, Respekt und Freude geprägt ist.

3. Wir anerkennen die spirituelle und politische Dimension

Die Unkenntnis über unser sexuelles Wesen und dessen Bedürfnisse hat System. Wenn wir Menschen von diesem natürlichen Teil getrennt sind, sind wir unbewusst sexuell und spirituell hungrig. Dadurch sind wir manipulierbar. Wir stillen unseren Hunger mit Konsum, Kriegen, Krankheiten, Ausbeutung aller Art oder auf andere ungute Weise. Wir brauchen bessere Nahrung für unsere Seelen und setzen uns dafür ein, dass jeder Mensch Zugang zu dieser Art Nahrungsquelle hat. Unsere Arbeit ist für die Gesellschaft als solche und das Überleben der Menschheit unabdingbar. Wir empfinden uns als Teil der weltweiten Friedensbewegung.

4. Solidarität und das Achten von Grenzen ist Grundlage unserer Arbeit

TempelpriesterInnen erkennen und respektieren einander. Wir selbst tun nur Dinge, die wir ethisch und moralisch für vertretbar halten. Wir achten unsere eigenen Grenzen und die anderer Menschen. Wir lassen uns nicht ausbeuten und beuten uns selbst nicht aus, vor allem nicht sexuell. Wir verkaufen weder uns noch unseren Körper. Wir tun im Sexuellen nur Dinge, die dem Leben dienen. Unsere Solidarität – im Herzen wie im Tun – gehört allen, die sich gegen sexuelle Gewalt, Verstümmelung oder sexualfeindliche Traditionen einsetzen.

5. Wir fordern selbstverständlichen Respekt

Die jetzige sexuelle Kultur ist ein gesellschaftliches Dilemma. Vor allem die Bereiche der Sexarbeit trifft das gesellschaftliche Stigma von Makel. Unkenntnis, Ausgrenzung und Verurteilung sind die Folge. Wir wehren uns gegen Gesetzlichkeiten, die diese Stigmatisierung verschärfen – das deutsche „Prostituiertenschutzgesetz“ gehört dazu. Jemand, der mit Sexualität arbeitet, lehrt oder heilt, sollte dies so selbstverständlich tun können wie eine LehrerIn oder ÄrztIn. Deshalb klären wir auf, stehen zu unserer Arbeit und gehen mit gutem Beispiel voran. Wir fordern Respekt für diese gesellschaftlich wertvolle Aufgabe.

6. Die Würde und Unversehrtheit aller Körper ist höchstes Gut

Jeder Körper ist heilig. Sexualität und Körperlichkeit gehören zusammen. Was Körpern an Grausamkeiten angetan wurde und wird ist unvorstellbar. Es ist in jeder Zelle gespeichert und wirkt über Generationen hinweg. Auch dies hat Verwerfungen unserer Sexualität zur Folge. Wenn wir Menschen berühren – egal auf welcher Ebene – haben wir das im Blick. Das Urprinzip weiblich-kreativer Kraft beinhaltet bedingungslose Liebe, Fürsorge, Mitgefühl, Selbstliebe und Sinnlichkeit gegenüber allem Lebendigen. Wir setzen uns dafür ein, dass dieses Prinzip auf der ganzen Welt geachtet und respektiert wird.

7. Wir setzen uns für Heilung ein

Dies beinhaltet die Heilung aller sexuellen Verletzungen aus allen Zeiten. Wir maßen uns nicht an zu entscheiden, was eine sexuelle Verletzung ist. Normen spielen hier keine Rolle. Voraussetzung für Heilung ist ein selbstbestimmter Umgang mit Krankheit, Gesundheit und unseren sexuellen Bedürfnissen. Wir verhelfen anderen Menschen dazu, sich selbst, diese Verletzungen und Wege zur Heilung zu erkennen. Dies fängt immer bei uns selbst an, wobei uns die Opferrolle nicht zusteht. Wir schöpfen aus unseren eigenen Verletzungen Kraft und Wissen.

8. Wir sind verbunden mit allen Lebensformen der Erde

Wir wissen, dass wir nur ein Teil von Vielem sind. In anderen Zeiten und Kulturen gab und gibt es unzählige weitere Möglichkeiten, mit Sexualität zu arbeiten, zu heilen oder sie zu unterrichten. Dieses Wissen – meist von einer ganzheitlichen Sicht geprägt – gilt es zu bewahren und zu schätzen. Es hilft, unsere Arbeit zu relativieren und gleichzeitig ihre Dimension zu erkennen. Was wir tun hat Auswirkungen auf alle Lebensformen in allen Zeiten. Wir tragen Verantwortung dafür, dass kommende Generationen auf der Erde gut leben können. Die Erde ist unsere Mutter und wir sind ihr verbunden.

9. Wir erzählen Geschichten und schaffen Visionen

Was an der Oberfläche des Wissens liegt, ist geprägt von einer patriarchalen und verdrehten Sicht, die Frauen wie Männern nicht gut tut. Die Wissenschaft fußt auf einem materialistischen Glaubenssystem, das hinterfragt werden darf. Auch das Unaussprechliche hat Recht. Ebenso wie unsere Intuition, unsere Ahnungen, unsere Sehnsüchte und Eingebungen. Was wir erlebt haben, ist es wert, erzählt zu werden. Gleichzeitig brauchen wir neue Visionen, gerade wenn es um Sexualität geht. Wir lassen auf unaufdringliche Weise neue Bilder von Sexualität entstehen und schaffen damit neue Wirklichkeiten.

10. Wir folgen mutig der Wahrheit unseres Herzens

Es sei vorangestellt: Um mit Sexualität zu arbeiten, zu heilen oder sie zu unterrichten, dürfen wir nicht warten, bis wir vollkommen sind. Wir sind perfekt wie wir sind und besitzen bereits genug Wissen, um es weiterzugeben. Der jetzige Zustand ist zu feiern! Ebenso das Leben an sich und alle Formen von Liebe. Sexualität gehört unbedingt dazu. Wir trennen uns von dem, was lebensfeindlich ist und lassen uns bewusst auf Wandlungsprozesse ein. Wir sind dankbar, dass jetzt neue Zeiten anbrechen. Wir gehen aufrecht und stecken andere mit unserer Freude an. Freude ist sichtbar gemachte Liebe. Wir setzen uns dafür ein, dass die Welt ein Freudenhaus wird.