GESCHICHTEN & VISIONEN

Was Form und Gestalt annehmen soll, braucht die Befruchtung durch den Geist. Hier drückt er sich in Geschichten und Bildern aus. Wir haben sie erfunden oder sie sind aus dem Erinnern aufgetaucht.

Da drüben bei den Wäldern

„Da drüben bei den Wäldern,
Olivenbäume steh‘n.
Da gibt‘s ein kleines Kloster,
zu dem die Mädchen geh‘n.“
(Volkslied aus der Balkan-Region)
Magdalena blieb stehen, stemmte ihre Arme in die schmerzenden Hüften und blickte auf die Hügel, die vor ihr lagen. Einige Frauen im Dorf hatten ihr zugeraten, zum Kloster zu gehen, nachdem alle Medizin versagt hatte. Letztlich überwog der Schmerz, und sie machte sich auf den Weg.

Das Kloster schmiegte sich direkt neben einem Wasserfall an den Berg. Ihm zu Füßen lag ein See, in den sich das sprudelnde Element mit beeindruckender Entschlossenheit hineinstürzte. Im Garten arbeiteten einige Mönche. Niemand schien sie zu bemerken, als sie mit klopfendem Herzen an den Beeten mit Gemüse und Kräutern vorüberging. Der Weg mündete im Innenhof. Magdalena ließ sich auf einer Bank nieder, die rund aus der Wand hervorkam und mit weichem Fell bedeckt war. Sie strich mit der Hand darüber und fühlte Melchiors Brusthaar in ihrer Erinnerung. Seit ihr Mann vor zwei Jahren gestorben war, hatte Schwermut ihr Leben durchtränkt und Schmerzen plagten sie „Die Mönche machen dich gesund“, hatte ihre älteste Schwester schmunzelnd versprochen, und die Kinder zu sich genommen.

„Willkommen!“ Der kleine rundliche Mönch trat lächelnd auf sie zu, verneigte sich und meinte, es sei eine Ehre für das Kloster, sie zu begrüßen. Sie folgte ihm, nachdem er ihr Bündel aufgenommen hatte. Jedes Zimmer hatte eine andere Form und befand sich auf einer anderen Ebene. Etwa in der Mitte der Anlage lag der geräumige Gebetsraum. Die Kuppel war nach oben offen und mündete in den Himmel. Der Boden war mit Fellen und bunten Decken ausgelegt und ein Duft von Salbei und Lavendel hing in der Luft. In einer der Nischen lag jemand und schnarchte. „Das ist Madteos, ein Bauer aus dem Nachbardorf“, flüsterte der Mönch, „er ist krank.“

Dann führte er Magdalena in ihr Zimmer. Von hier aus schaute sie direkt auf den Wasserfall. Ein anderer Mönch namens Sakar brachte ihr eine Schüssel mit Gemüse und Reis. Später lud er sie zu einem Spaziergang ein und bereitete sie auf die kommenden Tage vor. Seltsam erregt und vertraut zugleich fand sie sich am Abend im Gebetsraum ein, den alle den Tempel nannten. Madteos und sie wurden auf Felle gebettet und bekamen ein bitteres Gebräu zu trinken. Ein Konzert mit Instrumenten begann, von denen Magdalena noch nie zuvor gehört hatte. Doppelflöten, eine Art Leier aus einem Schildkrötenpanzer mit Hörnern sowie Rasseln und Trommeln vermengten sich zu einem schrillen unmelodischen Lärm. Der Raum hüllte sich allmählich in dichten Rauch aus Weihrauch, Myrrhe, Bilsenkraut. Wellen begannen Magdalenas Körper zu bewegen, sie fand sich neben Ameisen im Gras wieder, auf dem Rücken der Wildgänse und sah die blaue Erde mit den Augen des Mondes. Noch wunderbarer war, dass die Welt zu einem Einzigen zusammenschmolz. Ein Gefühl, das sie beben ließ und zugleich völlig entspannte.

Am nächsten Morgen fühlte sie sich kraftvoll und klar. Sie hatte hinter den Schleier geblickt – jetzt konnte sie nichts mehr verunsichern. Sie war bereit. Nach dem Frühstück bat Tavit darum, ihr Begleiter für die nächsten Tage sein zu dürfen. Der Mönch war groß, seine Augen lächelten und seine Hände konnten Magdalena tragen. Die Begegnungen fanden im Tempelraum statt, den Tavit jedes Mal anders gestaltete. Gegen Abend bekam Magdalena eine Massage, die Stunden dauerte und ihr tiefstes Inneres anrührte. Sie empfing Bilder, die nicht in ihr Leben passten und doch zu ihr gehörten, in die Ahnenkette ihrer Mütter, der Heldinnen. Die halbe Nacht weinte sie, und Tavit saß bei ihr. Am Morgen alberten sie und badeten im Wasserfall. Am Abend überkam sie die Lust auf Berührung und sie ließ zu, was immer in ihr gefühlt werden wollte. Magdalena brauchte fünf Tage und Nächte, bis sie vollständig satt war. Fünf Nächte, in denen Tavit alle verwirrten Energien in ihr aufsammelte und sie verwandelte. Die Mönche hatten gelernt zu dienen, und zwar in erster Linie mit dem, was sie in Fülle hatten: mit ihrer Männlichkeit.

Nach fünf Tagen wusste Magdalena, dass es jetzt Zeit war heimzukehren. Keine Sehnsucht, keinerlei Schmerz mehr, nur das pure Ja zum Leben, was sie mitnahm in ihr Dorf, zu ihren Schwestern, Brüdern und Kindern.

Vision eines Tempelpriesters (I)

Meine Vision fühlt sich nach einem Ort an, nach Urmenschen, die einfach ihre Lust lebten, nahe am Animalischen: Machen, nicht denken. Ein Gefühl von Lemurien, lange vor unserer Zeit, aber hier auf diesem Planeten. Unsere Vorfahren sind noch androgyn; „all in one“. Sie sind mit dem Göttlichen verbunden, kommunizieren telepathisch und sind energetisch so leicht, dass manche schwebend meditieren. Sie arbeiten mit der Kraft der Kristalle und sind total angebunden. Etwas später, eingangs des atlantischen Zeitalters, wurden die Ideen laut, eine weitere Entwicklungsstufe zu versuchen und so trennten sich einige der Wesenheiten in weibliche und männliche Anteile. Ab diesem Zeitpunkt war das Göttliche, die Einheit Zwei und seitdem suchen wir unseren anderen Teil. Das Männliche - nach außen gerichtete, zeugende Prinzip - und das Weibliche - nach innen gerichtete, gebärende Prinzip - suchen sich, um wieder, göttlich erschaffend, gemeinsam zu wirken. An dieser Stelle stehen wir heute und die Menschheit ist bis hierher einen langen Weg gegangen.

An etwa dieser Stelle war die geführte Meditation zu Ende und mein eigener, innerer Prozess begann. Eigentlich war da nichts für mich Neues, aber im Energiefeld von uns allen entstand ein neuer Kontext: Ich, der ich als Lehrer in dieses Leben gekommen bin, habe in meinem Leben viele Entwicklungsstufen durchlebt. Ausgestattet mit einer sehr lebhaften Libido, lernte ich erst mit 35 Jahren erfüllte Sexualität kennen und noch einmal 10 Jahre später wurden für mich die Tore zu einer Welt der faszinierenden Sexualität aufgestoßen. Seitdem spüre ich in mir, dass ich etwas für die Welt habe und dass ich meine Erfahrungen mit anderen teilen soll. Nicht als Missionar, der ich vor 40 Jahren mal werden wollte, sondern als Geschichtenerzähler. Die Geschichte eines Lebens, denn nur was meine Erfahrungen spiegeln ist wahrhaftig. Seitdem bin ich auf der Suche nach Erfahrungen und oft habe ich erlebt, dass ich mein Gegenüber mit meiner Offenheit und meinen Ideen überfrachtet habe, da ich an einer völlig anderen Stelle im Leben stand. Und nun erfahre ich hier... zwischen wundervollen Brüdern und Schwestern zu sein, die an ähnlichen Punkten im Leben stehen und ich bekomme aus dem Off gesagt: „Hier ist alles möglich, hier ist der Erfahrungsraum nach dem du immer gesucht hast“. Ich verstehe sofort was es meint. Unter dem Eindruck der Offenheit der Meditation darf ich, wunderbare Gespräche mit meinen Tempelgeschwistern führen und der Raum des Möglichen wird unfassbar weit. Was für ein Geschenk, welchen weiten Weg sind wir in den letzten Jahren gegangen und wie weit sind wir aus der Matrix unserer alten Glaubenssätze heraus gegangen.

Unendliche Dankbarkeit erfüllte mich an diesem Morgen nach der Tempelweihe und in den Tagen danach. Aus „nichts wollen und nur die Räume offen halten“ entsteht das Paradies. Diese zwei Tage der Weihe haben alle Tore geöffnet und ich werde seither geflutet von Visionen, meinen Aufgaben und vom Verstehen meiner inneren Prozesse. Es ist, als hätte sich ein großer Turbo zugeschaltet und die Informationen sprudeln immer weiter bis zu dem Punkt, dass ich sogar überlege, die geistige Welt um eine Pause zu bitten, weil ich mich erschöpft fühle und es gar nicht mehr fassen kann.

Vision Ama-Pura

Meine Vision begann am Strand im Dunkel, ein Himmelsgewölbe voller Sterne sah ich über mir. War ich noch am Strand? Wo war der Sand hin? Es fühlte sich plötzlich fremd an, ein futuristischer schwebender Bau hoch droben in den Wolken ... Die Sterne leuchteten durch eine große Öffnung, es gab runde Wände um mich herum. Weiß gekleidete Frauen und Männer in langen Gewändern schritten wie in Gehmeditation eine Spirale an den Wänden hinauf. Sie alle trugen sehr behutsam ein kostbares helles Licht in den Händen - weißes Licht aber keine Kerzen, eher wie kleine Kugeln, vielleicht die Lichtanteile der Seelen oder beseeltes Lichtwissen? Ich war nur ein Beobachter, der stumme Zeuge eines längst vergessenen Rituals, etwas sehr Heiliges und Wichtiges geschah hier, aber ich hatte keinen blassen Schimmer was hier eigentlich geschah .... und wo diese anmutigen Gestalten hin entschwanden Ein Gefühl der Dankbarkeit und der Ehrfurcht breitete sich in mir aus. Mir schoss zu meiner Vision ein Wort in den Sinn: "Verantwortung", ebenfalls "Beschützen" und "Wertschätzen". Jede einzelne gemachte Erfahrung, jedes Wissen, jedes Ritual, jedes liebevolle Gefühl - getragen von einer Gemeinschaft, unserer Gemeinschaft, der Gemeinschaft der Tempelpriester & Tempelpriesterinnen. Wir tragen unser Wissen hinaus in die Welt, behutsam, sacht und mit Würde. Und mit Mut, dass sich alle Menschen so zeigen können, lustvoll, ohne Scham und mit purer Lebensfreude ….

Vision eines Tempelpriesters (II)

Ich bin in ein anderes Leben zurückgekehrt. Sonnenlicht durchflutet eine Blockhütte. Ich trete mit Stiefeln und Gamaschen ein, Liebe und Lust empfangen mich. Meine Frau zeigt mir ihre Brüste, begehrt mich, will mich - ich ziehe mich aus, wir lieben uns leidenschaftlich - im Stehen, auf dem Tisch, pures Begehren, kein Wissen, keine Religion, die reine Kraft der Liebe und der Leidenschaft.
Von dieser ekstatischen Erfahrung tauche ich ein ins Nichts: Ein Sonnenstrahl fällt auf mich, ein Bündel von Strahlen, die durch dunkle Wolken brechen. Wahrscheinlich viel mehr Wolken als Licht, aber ich stelle mich ins Licht und werde mit voller Kraft getroffen. Reines Licht. Dann stehe ich unter einem dunklen Teppich von bedrohlichen Wolken, sehr wenig Licht, wie vor einem Gewitter, jedoch keine Chance dass diese Wolkendecke jetzt aufbricht. Ich bin allein. Ich sehe niemanden. Wahrscheinlich ist jeder hier allein. Sieht niemanden. Steht im Halbdunkel. Ohne Hoffnung. Ein düsteres Kapitel.
Und wieder ändert sich die Szenerie: An einem Feuer sind Menschen, nackt und gewärmt. Im Schein der Flammen sehe ich ihre Körper. Jeder androgyn & schön - es gibt dort keine Schönheitsideale, das Geschlecht ist unwichtig. Jeder ist gut, jeder willkommen, jeder richtig. Status unwichtig. Alter unwichtig. Jeder tut, was er gerade richtig findet, was gerade für ihn oder alle dran ist: etwas schneiden, kochen, im Feuer stochern, musizieren, tanzen, lieben, küssen. Ich schaue etwas genauer hin und beobachte eine Dynamik: zwei Menschen küssen sich, die Liebe ist bei ihnen. Eine Energiewelle breitet sich aus und andere reagieren. Viele kommen hinzu, umarmen die beiden, werden empfangen, bereitwillig wird gegeben, alle werden satt, genug Nahrung, genug Wärme, genug Liebe. Dann küssen sich andere, alle strömen dahin. Es ist ein Spiel der Liebe, der Anziehung, des Sich-Verschenkens. Kein Neid, kein Besitz, keine Hierarchie. Voller Leichtigkeit.
Diese Vision ist nun in mir. Es ist genau wie in unserem Kreis der Tempelgeschwister. Die Liebe fließt in mir und ich verschenke sie mit Worten, Gesten, Berührungen. Ich werde von Euch beschenkt, von Eurer Liebe, Eurer Lust, Eurem Tanz, Eurer Leidenschaft, Eurer Freude, Euren Worten, Eurer Erfahrung, Eurer Sehnsucht. Geschmückt mit dem Amulett und dem Tuch der Weihe.